Das unbekannte Ehrenamt

Mehr ältere und/oder demenziell erkrankte Menschen brauchen mehr Betreuer
Stand: 29.03.2025

Es ist nur ein Wort, noch dazu eines, das schon lange nicht mehr gebräuchlich ist. Und dennoch müssen Stefan Holzapfel und sein Team nahezu jeden Tag gegen den Begriff „Entmündigung“ ankämpfen. Dabei heißt es längst Betreuung – was auch Programm ist.

Andrea Bauernfeind ist eine von rund 60 Betreuerinnen und Betreuern, auf die der Landkreis in Person von Landratsamt-Sachgebietsleiter Stefan Holzapfel zurückgreifen kann. „Viel zu wenig“, wie er betont. Zumal bei steigendem Bedarf – der alleine schon dem demografischen Wandel geschuldet ist. „Mehr ältere und/oder demenziell erkrankte Menschen brauchen mehr Betreuer“, rechnet er sachlich vor.

Dazu kommt eine weitere Entwicklung, die seine Mitarbeiterinnen aus ihrem Alltag mitteilen können: Ein großer Teil der Betreuten sind Menschen mit meist chronischen psychischen Erkrankungen oder Menschen mit Behinderungen unterschiedlicher Art. Wenn Angehörige dann diese Aufgabe nicht übernehmen können oder wollen und keine entsprechende Vorsorgevollmacht vorliegt, kommt die Betreuungsstelle am Landratsamt über das Amtsgericht ins Spiel. Die ermittelt dann den Sachverhalt und schlägt geeignete Betreuer vor.

Und damit wieder der falsche Satz: „Den ham’s entmündigt“, der nicht nur an Stammtischen immer noch fällt. Andrea Bauernfeind sieht ihre Rolle so: „Ich bin in erster Linie für den Betreuten da.“ Was durchaus bedeuten kann, dass sie für einen Mann oder eine Frau die Finanzangelegenheiten regelt, sonst aber nichts. „Viele wissen nicht, dass eine rechtliche Betreuung nur für Teilbereiche angeordnet werden kann“, ergänzt Stefan Holzapfel. Gerade für derartige Fälle laute das Ziel, Betroffene in die Selbstständigkeit zurückzubringen. Ein Erfolgserlebnis auch für den Betreuer, weist er auf einen der positiven Aspekte des Ehrenamts hin. Ein Ehrenamt, das vergütet wird. Reich werde man davon zwar nicht, aber zum Leben könne es allemal reichen.

Allerdings macht der Sachgebietsleiter da neben dem Personalmangel eine weitere Flanke auf: Eine Gesetzesreform hat zur Folge, dass zahlreiche Betreuer künftig weniger verdienen werden. „Das wird es nicht einfacher machen, geeignete Personen zu finden.“ Denn: Wer sich als Betreuer bewirbt, muss neben einem einwandfreien polizeilichen Führungszeugnis auch entweder die entsprechende Fachqualifikation und/oder Seminare vorweisen. Die können durchaus ins Geld gehen und Zeit kosten, weiß Holzapfel, der dennoch überzeugt ist, dass Betreuer-Sein eine der sinnhaftesten Aufgaben überhaupt ist.

Andrea Bauernfeind kann das bestätigen. Die Gredingerin kam 2021 über ihren Beruf bei der Sparkasse ins Geschäft. Dort hatte sie als Generationenkundenmanagerin schon viel mit Vorsorgevollmachten zu tun, auf Eigeninitiative bildete sie sich auf den anderen Feldern fort, die für eine umfassende Betreuung nötig sind. Die 37-Jährige geht auf in ihrem „Nebenjob“, in dem sie meist um die 18 Klienten hat. „Es tut gut, den Menschen beizustehen und zu helfen.“

Klar sei aber auch: „Da stehen Schicksale dahinter.“ Ihr Weg, damit umzugehen: Deren Geschichte nicht zur eigenen machen und Distanz wahren. Stefan Holzapfel ergänzt, dass auch von Seiten des Amts auf Eigenschutz geachtet werde, man den Betreuern gegebenenfalls zur Seite stehe. Und: Gerade in der Anfangszeit wären er und seine Mitarbeiterinnen bei Bedarf auf engmaschige Begleitung „der Neuen“ bedacht sowie darauf, dass sie nicht mit zu vielen oder gleich schwierigen Fällen starten. Zudem sorgt das Sachgebiet in regelmäßigen Abständen dafür, dass sich die Berufsbetreuer austauschen können.

„Ich würde ja gerne, aber…“, ist ein Satz, den Stefan Holzapfel oft hört, wenn er versucht, neue Köpfe für den „Job“ zu gewinnen. Zu groß ist die Sorge, haftbar gemacht zu werden oder sich mit Angehörigen anlegen zu müssen, schließlich geht es am Ende des Tages meist ums Geld. „Ohne Versicherung geht es nicht“, bekräftigt Andrea Bauernfeind. Sie kann aber relativieren, dass es in den meisten Fällen gelingt, die Familie mit einzubeziehen.

Stefan Holzapfel räumt derweil gleich noch mit einem weiteren Vorurteil auf. (Rechtlich) betreuen bedeutet nicht, für die Betroffenen einkaufen, sie „zu betüdeln“ und zum Kaffeeklatsch kommen. Betreuerinnen und Betreuer übernehmen Verantwortung.

Genaue Zahlen zu dem Thema zu ermitteln, ist schwierig, sagt Stefan Holzapfel. Weil teils Betreuer Betreute in anderen Landkreisen hätten – wieder ist Andrea Bauernfeind ein bestes Beispiel, hat sie doch einige Klienten im Landkreis Neumarkt. Weil sich die Zahl der beantragten oder angeregten Betreuungen nicht mit dem deckt, was das Amtsgericht letztlich entscheidet. Validiert ist aber, dass es derzeit rund 1750 laufende eingetragene Betreuungsverfahren für den Landkreis Roth gibt und dass im vergangenen Jahr beim zuständigen Amtsgericht Schwabach 462 Anträge eingegangen sind.

Viele, die sich bereit erklären, als Betreuer zur Verfügung zu stehen, handeln aus „persönlicher Betroffenheit“. Sprich: Derjenige, der schon für Partner, Papa, Mama, Oma oder Tante einstand und damit „hinter die Kulissen geschaut“ und die Bedeutung erkannt hat, ist auch bereit, einem „Fremden“ entsprechend beizustehen. Noch einmal Stefan Holzapfel: „Meiner Meinung nach ist neben dem fundierten fachlichen Wissen die einzige wirkliche Voraussetzung, dass man ein Menschenfreund ist.“

Landrat Ben Schwarz, der den Komplex aus seiner Zeit als Anwalt nur zu gut kennt, unterstützt die „Werbekampagne“, mehr Betreuungspersonen zu generieren, nur allzu gerne. „Es gibt wenige Bereiche, in denen Menschen essentiell so geholfen werden kann.“ Wer sich da engagiere, leiste einen Wahnsinns-Beitrag für die Gesellschaft, umrahmt er seinen Dank an alle, die bereits dafür eintreten.

Und etwas zurück bekommen, wie Andrea Bauernfeind bekräftigt. Sie hat wie viele Betreuer eine Lieblingserfolgsgeschichte. Durch ihr Netzwerk ist es ihr vor Jahren gelungen, einem Obdachlosen eine Wohnung zuzuschanzen, der sonst chancenlos gewesen wäre. Der habe dann wieder am Leben teilgenommen, „ein echter Glücksmoment“. Einer, den zu erleben, vielleicht Betreuern vorbehalten ist. Also – auf was warten Sie noch?

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