
Traumjob ja, Bleibe nein
Auszubildende und Angestellte in sozialen Berufen haben auf dem Wohnungsmarkt zu kämpfen – Wir erzählen eine ihrer Geschichten
Stand: 12.07.2026
Eigentlich wollte Anike Friseurin werden. Bis zu einem Praktikum in der Kreisklinik. Ab dem war klar: „Das ist mein Ding.“ Mit der (positiven) Folge, dass die 18-Jährige mittlerweile inmitten einer Ausbildung zur Pflegefachkraft steckt. Wie ihre beste Freundin und künftige WG-Partnerin Luisa, mit der sie die Begeisterung für den Beruf teilt. Allerdings ist die verbunden mit etlichen Fallstricken, wie sich im Gespräch mit Günther Wittmann zeigt. Der Geschäftsführer der Gesundheitsregion plus fühlt den Nahwuchskräften regelmäßig auf den Zahn und macht seit geraumer Zeit vor allem zwei große Themen aus.
Anike und Luisa sind da keine Ausnahme, hatten aber noch Glück: Als sie ihre Ausbildung an der Pflegeschule begonnen haben, konnten sie ein Zimmer im „Schülerwohnheim“ ergattern. „Anders wäre es auch nicht gegangen“, betonen sie. Zwar kommen sie beide aus dem Landkreis – Barthelmesaurach und Eckersmühlen -, aber Dienstbeginn um 6 Uhr morgens ist da ohne Auto nicht zu schaffen.
„Der Druck auf dem Wohnungsmarkt macht uns in den sozialen Berufen arg zu schaffen“, benennt Günther Wittmann eines der Hauptprobleme, mit dem gerade die Auszubildenden zu kämpfen haben. Das Gehalt nicht gerade üppig und dann auch noch jung, bringt es Wittmann auf den Punkt. Die beiden angehenden Pflegefachfrauen bestätigen das. „Du sagst, erstes Lehrjahr, und bist schon raus.“ Andere Vermieter hätten sich auf Anfragen nicht einmal zurückgemeldet. Dabei haben sie von Beginn an zu zweit gesucht, aus finanziellen Gründen, aber auch, weil sie mittlerweile beste Freundinnen geworden sind.
Dass sie nach langen Monaten nun eine schöne Bleibe gefunden haben, haben sie zum einen dem Tipp eines Kollegen zu verdanken, zum anderen Luisas Opa. Der nämlich bürgt bis zu ihrer Volljährigkeit. „Viele Wohnungen kommen gar nicht auf den Markt und/oder es braucht Vitamin B“, weiß auch Günther Wittmann. Den freut die Nachricht von Luisas und Anikes Auszug natürlich primär für die beiden, sieht aber zudem praktischen Nutzen. „Im Wohnheim sind dann wieder Plätze frei.“
Das Freundinnen-Gespann ist rundum happy mit ihren drei Zimmern im Rother Norden, „leben und arbeiten am gleichen Ort ist ein Stück Lebensqualität“, betonen sie. Denn wäre es eine Wohnung in Nürnberg geworden – wo durchaus etwas in Aussicht stand – hätte das Aufstehen um 4.30 Uhr bedeutet und sehr lange Tage. In einem nicht immer einfachen Beruf.
Der allerdings beider Traumjob ist. „Er erfüllt mich einfach“, sagt Anike ganz verzückt. Festgestellt, dass „das komplett mein Ding ist“, hat sie bei einem Praktikum, zu dem sie keine Geringere als die Oma ihres Freundes überredet hatte. Auch für Luisa ist „Pflege, das was ich machen möchte“. Besonders schön findet sie die Vielfalt und den Umgang mit Menschen.
Die Abwechslung beginnt schon in der Ausbildung und zeigt sich besonders in den Praxiseinsätzen von Kinder- und Altenpflege über ambulante Dienste bis zur Psychiatrie. Obwohl „erst“ im ersten Lehrjahr hat sich Anike schon festgelegt. Ganz klar Klinik und am liebsten Chirurgie.
Rund 25 Plätze stehen der Pflegeschule im Wohnheim zur Verfügung, für Günther Wittmann „ein Tropfen auf dem heißen Stein“. Zumal Bewerber aus dem Ausland oder anderen Bundesländern – aktuell hat sich ein Stuttgarter gemeldet – Vorrang haben müssten. „Wir investieren eine Menge in die Anwerbung von Schülern und Personal und dann scheitert es an so was“, macht der Geschäftsführer der Gesundheitsregion plus seinem Unmut Luft. Oder Ausgelernte verlassen die Region wegen zu hoher Mieten.
Alles Aussagen und Erfahrungen, die Schulleiterin Ruth Winkler 1:1 unterschreiben kann. „Gerade der Schichtdienst verschärft das Problem. Mit diesen Arbeitszeiten leisten unsere Schüler einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren unserer Gesellschaft und sind daher auf bezahlbaren Wohnraum in Arbeitsplatznähe angewiesen, den sie oftmals nicht finden.“ Jeder potenzielle Kandidat, der abspringe, sei ein Verlust, unterstreicht sie. Für die Einrichtung, im schlimmsten Fall aber für die Gesellschaft, die dringend mehr Menschen in Gesundheitsberufen brauche.
Die Schulleiterin der zweiten Pflegeschule in Roth, Nadja Kress, steht vor den gleichen Herausforderungen. Sie weiß aus eigener Erfahrung „wer sich für eine Pflegeausbildung entscheidet, kann jeden Tag erleben, wie wertvoll die eigene Arbeit für andere ist, deshalb freuen wir uns natürlich über die steigenden Anmeldezahlen.“ Gleichzeitig suchen aber auch immer mehr Auszubildende einen Wohnraum in Roth. Mit Start der neuen Ausbildung werden ab September an den beiden Schulen mehr als 200 Pflegefachfrauen, Pflegefachmänner, Pflegehelferinnen und Pflegehelfer ausgebildet.
Durch die Vielzahl neuer Soldaten, die die Offizierschule anzieht, habe sich speziell in Roth der Druck auf den Wohnungsmarkt noch einmal erhöht, beobachtet Günther Wittmann. Er appelliert an Vermieter, den sozialen Aspekt mehr zu berücksichtigen und sich von „jung oder aus dem Ausland“ nicht beeinflussen lassen. „Ich wünsche mir mehr Mut.“ Gerade bei Pflegefachkräften stünden ja eine Einrichtung oder eine Klinik dahinter.
Hinzu komme, dass gerade Auszubildende ohne Führerschein wegen mangelnder Verkehrsanbindung nicht aufs Land ausweichen könnten. Das gelte für alle Branchen, will er seinen Aufruf in die Breite ziehen, allerdings treffe es naturgemäß diejenigen mit außergewöhnlichen Arbeitszeiten am heftigsten. Und damit „seine“ Zielgruppe, ohne die eine verlässliche Gesundheits- und Pflegeversorgung in der Region nicht möglich wäre.
Gut zu wissen: Wer sich für eine ein- oder dreijährige Ausbildung im Gesundheitsbereich interessiert, kann sich über die Webseite des Bildungszentrums einen guten Überblick verschaffen. Fragen zur Schule beantwortet Frau Winkler (Kontaktdaten und Link zur Webseite untenstehend).
Informationen gibt auch Günther Wittmann von der Gesundheitsregionplus (Kontaktdaten untenstehend).
Gerne steht er als Ansprechpartner für Vermieter zur Verfügung.
Gesundheitsregion plus
Geschäftsstelle Gesundheitsregion Plus
Anschrift
Bildungszentrum Roth
Ansprechpartnerin: Frau Winkler